Doris Nußbaumer

Schriftstellerin - Kulturarbeiterin - Schreibpädagogin


Leseproben: Prosa hochdeutsch

Die Herrin der Ringe

Ich weiß nicht, wie es geschehen ist, dass der Stiegenhaus-Smalltalk mit meiner Nachbarin in einen gegenseitigen Austausch unserer aktuellen Krankenakten ausartete. Obwohl ich vor allem mein Gegenüber jammern ließ, entschlüpfte mir schließlich doch das Geständnis, dass ich zur Zeit dauernd müde war und auch wusste, warum: Einschlafen – irgendwann vielleicht einmal, fallweise. Durchschlafen – sicher nicht.
Meine Nachbarin spreizte die Augen auf: „Liegen Sie vielleicht auf einer Wasserader? Sie sollten das unbedingt testen lassen, da kann man sich die ärgsten Sachen einfangen! Vielleicht müssen Sie einfach nur das Bett umstellen.“
„Ähm“, machte ich frustriert.
© Doris Nußbaumer, alle Rechte vorbehalten

Weiterlesen im Literaturmagazin etcetera


Programm Pandora

„Den Menschen ließ Zeus das Feuer, aber er gab für dieses Gut ihnen ein großes Übel.
Auf seinen Befehl formte Hephaistos, der kunstfertige Gott, aus Erde und Wasser das
wunderbare Bild einer Jungfrau, mit der Stimme und Kraft der anderen Menschen, aber
den unsterblichen Göttinnen gleich an Antlitz. Athene, unterstützt von den Chariten,
Peitho und den Horen, gürtete und schmückte das edle Gebild mit weißem schimmerndem
Gewande, übers Haupt hängten sie ihr einen feinen kunstvoll gewirkten Schleier und
schmückten ihre Locken mit einem Kranze lieblicher Blumen; auch eine goldene Krone
setzten sie ihr aufs Haupt, ein Werk des Hephaistos, das er mit bunten Tiergestalten
sinnreich geziert hatte. Athene unterwies sie in kunstreicher Arbeit, Aphrodite umgoß
ihr Haupt mit Anmut und erfüllte sie mit verführerischem Schmachten und den Sorgen
der Gefallsucht, Hermes gab ihr verschlagenen Sinn und schmeichlerische Rede. Die Götter
bewunderten die herrliche Jungfrau und nannten sie Pandora, „die Allbegabte“, weil alle Götter
sie mit Gaben beschenkt hatten.“

Sagen des klassischen Altertums
H. W. Stoll (Hg.)

Der Himmel über der besseren Landschaft ist blue-screen-blau und flimmert. Ich vögle mit Hephaistos. Alle Uhren zeigen verschiedene Zeiten an. Irgendwo werden wahrscheinlich Nachrichten gesendet ohne Ton. Eine Glasfront reißt senkrecht durch mit einem Knall. Ein Bildschirm implodiert lautlos, der Riss zieht durch, oder war es ein Eisblock? Inlandeis vom Grönlandgletscher? Ist das Firmament jetzt vom Blitz zerfetzt?
Hephaistos birgt die Stirn an meinem marmornen Schlüsselbein, „Athene Athene Athene!” sagt er, es klingt wie eine Beschwörung, mir wird kalt, Schneefall ist angekündigt in der westlichen Claviculagegend, auf höheren Bergen, und Flocken prallen gegen die gegletscherte Herzmuskulatur.
„Athene Athene Athene.” Wimpern kitzeln mich fremd, über eine grob geschätzte Distanz von 300 000 Lichtjahren treffen sie meine Haut, das ist zu nahe, das ist verloren, bravo, denke ich, ich habe es geschafft, ich habe den Ereignishorizont übersehen, I’ve passed the point of no return. Verdammt. Ich habe zu lieben begonnen.

….
© Doris Nußbaumer, alle Rechte vorbehalten
Weiterlesen in „Programm Pandora“, Proverbis Verlag

oder Volltext in schwedischer Übersetzung
http://www.werbeka.com/bibliote/doris/pandproj.htm
© derÜbersetzung Bernhard Kauntz


Flutkante

Die Großen schauten zum Himmel, schauten in den Fernseher, horchten ins Radio hinein. Luzi schaute zu, wie die Tropfen auf dem Granitplattenweg zerplatzten, genoss die feuchtkühle Luft und spielte mit ihren Stofftieren. Sie hasste es ohnehin, in einem sonnendurchglühten Garten dem Ball nachtzutaumeln und so zu tun, als fände sie Schmetterlinge reizend. Dass der Grünauberg rauschte, hörte Luzi selbst dann nicht, wenn man sie darauf hinwies.

Man ging Hochwasserschauen zwischen schwer lappenden Blättern, triefenden Zweigen und sattschwarzen Stämmen hindurch. Nun meinte Luzi, das Rauschen des Grünaubergs ebenfalls zu hören, aber die Großen lachten brutal und bitter. Sie zeigten auf kakaobraunes Geschäum und forderten sie auf, darin den Almbach zu erkennen. Luzi wusste, dass sich die Großen irrten wie immer. Die Alm hüpfte türkis und lustig zwischen rundem Steineweiß. Das hier war nicht die Alm. Die Großen logen sie wieder einmal an.

Am Rückweg gab es Geschrei. Luzi wollte durch die Lacke mitten am Schotterweg laufen, die Großen protestierten zuerst, packten Luzi dann an den Händen und schwangen sie lachend über den Wasserspiegel weg. Huitschi-heitschi, sangen sie. Luzi brüllte. Als man ihr schilderte, wie unendlich tief die Lacke gewesen war und wie voll sie sich ihre winzigkleinen kirschroten Gummistiefelchen geschöpft hätte, hätte man sie hineinlaufen lassen, brüllte sie noch lauter. Sie wünschte sich, dass noch mehr Regen fiel und alles wegwusch und davontrug: die dummen Großen,  das hässliche alte Haus und den Garten, den sie allein nicht verlassen durfte.

Das Hochwasser stoppte nicht vor Luzis Türschwelle. Die graue Flut blieb zahm im tiefergelegenen Waldstück jenseits des Hofplatzes liegen, hundert Kinderschritte von Tür und Schwelle, Haus und Garten entfernt.
© Doris Nußbaumer, alle Rechte vorbehalten