Doris Nußbaumer

Schriftstellerin - Kulturarbeiterin - Schreibpädagogin


Leseproben: Lyrik hochdeutsch

magische arithmetik

kein horizont vor dem aufbruch
ein phönix aus dampfendem messing
zwei kelche, die einander anblicken
drei tuben farbe, um die erde zu bemalen
vier sturmkäfer als faustpfand
fünf fingerbäume mit brot unter den nägeln
sechs galeeren auf grund
sieben küsten von sandstein, gotisch und hoch
acht sterne, die den himmel aufspannen
neun zeichen, die aus der täfelung regnen

einige kalkulationen hierzu:

kein und ein tränkt mein gras
ein und ein reißt den boden, die kristalle, reißt die stirnwand auf
zwei und vier treibt die becher der herrschaft voran
fünf ohne drei setzt segel in buntem wind
fünf genommen sechs nennt die regeln, spreizt den sand, spült die sohlen, richtet die siegerin
sieben ohne vier gibt ein geheimnis, schwarzweiß und klar
sieben ohne sechs macht die finger beim verflechten von federn bluten
sieben zu sieben schlachtet die hirschherden, schutzlos, hornlos, am ufer des nil
sechs und acht türmt ein gebirge wie eine krankheit vor dir
neun geteilt kein – der stärkste zauber: schlägt feuervogel beizeiten die augen aus
© Doris Nußbaumer, alle Rechte vorbehalten


museum alter technologien

feine optik
im treibhauspark
fetisch an fetisch
genagelt der wand
schild auf weiß
datum und ort
zugeordnet
abgespannt.

kleinteiliger ablauf
sich reibend
geschleift.
klickt mechanismus
der planetenuhr
es ist noch zeit.

glaskölbchen
eisenschach
feuersteinschloß
in begierde verziert.

kämmen die wollen
walken kein korn.
mahlstein ist mündern
wolfram glüht rot.

die esse die schmelze
halbleitend hier
führt unter tag
bettelt zu weichen
vielfach vergrößert
doppelt geschraubt.
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hohe wand

die landschaft ergibt
sich den liebenden
nicht von selbst.

eine schotterhalde gleitet
unter sohlen zu tal.
gilblaub rauscht ihnen zu
wie höher und vorne
der sonnenfall sei.
ein steig schließt auf.

die farbe der felsen:
dunkelgrau, rändig
weniges sprengendes weiß
einfluß von roten und rosa.

greifen in erde, in kalk, klammern
an grashaut und stämme.
nagelmonde scheinen
am rückgrat zu ruhen.
zwischen den sinnen
öffen weich knittrige stellen
schründe im sandbraunsilber.

abstreifen der erdknochen
längs zu sehnen
felsender überhang
droht auf dem kopf.
orangeweiß splitternder schichten
wird mit spinnweb gespannt
rückstrich, aufschwung
nackenstrom fällt.

flußrichtung von tonen
und sanden wird klar.
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tin-tan – verzagte substanz

verzagte substanz unter schwefelsonnen
gewaschnes gestein ohne morgen
im blick, bruchstück von gaswolken
stein von gestirn
abgekühlt, winselnd
die heliumschmelze anweinend:
tin-tan!

kleines tin-tan
löchrig verschwornes tin-tan
tin-tan in angst
vor flutung
vor zubiß der lavamandel und
aufschwung in wasserdampf

tin-tan im magen der tiefseeschraube
tin-tan tanzend, der tango ist vogelfrei
tin-tan fliegt in geysiren.
kränzliche ablagerung
schuppt marmor von sich

überlauf blau-weißer zonen
auch hier tin-tan in fugen
segelnd auf kämmen
quellend, verzerrt, entsplittert
gesotten, tot

anderswo anders
zusammen
kombiniert
affichiert
teil an teil
sich zu sich:
tin-tan aufs neue

seitlich des ionensturms
knapp nach kugelgestalt
antizipierend die scham
den aufschlag der stratosphäre:

tin-tan teilt sich.
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schlußszene

der erste gott
betrachtet den stahlhelm
verwundert.
in seine hand
denken wir hamlets schädel
auf dem sich
milchstraßen spiegeln.

mit transstellarem
schulterzucken sagt er:
hops!
ging sie ohnehin,
und, vom parkett aus
betrachtet
erscheint uns sein urteil
logisch.
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