Doris Nußbaumer

Schriftstellerin - Kulturarbeiterin - Schreibpädagogin


Lesetipps

wiener_witzwiener_wutLange Zeit waren sie vergriffen – jetzt aber sind die beiden Standardwerke von Richard Weihs überarbeitet und erweitert beim Pichler Verlag erhältlich.

Die „Wiener Wuchteln“ haben weit mehr zu bieten als heurigenkompatible Gemütlichkeit und beeindrucken durch liebenswert-komödiantische Kraft und hinterfotzige Verschlagenheit. Und wenn Wut die Schleusen des Wiener Mundwerkes öffnet, dann sind die Dämme anerzogener Zurückhaltung und oberflächlicher Höflichkeit rasch weggespült.

Rezensionen

Mühlviaddla Nibelungenliad
Gehört gelesen, gehört gehört

Es ist eine spannende Aufgabe, einen altbekannten literarischen Stoff modernisiert nachzuerzählen, ebenso reizvoll kann es sein, einen archaischen Stoff mit archaischen Mitteln aus anderen literarischen Genres zu bearbeiten. Joschi Anzinger hat mit „s mühlviaddla nibelungenliad“ ein beeindruckendes Beispiel gegeben, wie deliziös sich ein Crossover aus mittelhochdeutschem Heldenepos und ländlicher Familientragödie lesen und anhören kann. Die Figuren des Nibelungenlieds werden in das Mühlviertel einer nicht näher bestimmten bäuerlich-vorindustriellen Vergangenheit versetzt, aus dem Wormser Hof wird ein repräsentativer Bauernhof im Granithügelland, die vom Stoff vorgegebenen Ereignisse finden in dieser Version im Norden Oberösterreichs statt…
Erfahren Sie mehr bei Bibliothek der Provinz
Rezensentin: Doris Nußbaumer
Morgenschtean, österreichische Dialektzeitschrift

oswald_von_wolkenstein1
„Gern wär ich dein Delphin“
Der mittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein hat eine bewegte Rezeptionsgeschichte hinter sich, immer wieder für Jahrzehnte vergessen, wurde seine Lyrik mehrmals wiederentdeckt, um erneut aus dem literarischen Bewusstsein zu verschwinden. Mit „Und wenn ich nun noch länger schwieg‘“ legt Gerhard Ruiss die umfangreichste derzeit erhältliche Ausgabe vor. Die Textauswahl bildet dabei Oswald von Wolkensteins breit gefächertes Themenspektrum ab. Der weitgereiste Dichter schildert Reiseerlebnisse, durchwegs nicht nur positive, er besingt in Heimatliedern Land und Leute, schwungvolle Tanz- und Trinklieder bejubeln geselliges Besammensein, während sich Gebete und Altersklagen besinnend nach innen wenden. Breiten Raum nehmen alle möglichen Facetten des Liebes(er)lebens ein: vom ersten Werben über amouröse Spiele, Beziehungskrisen, Abschied und Trennung.
„Mich macht das viele Sehnen krank, zu einem Stein, der nicht mehr schwankt, zu nichts mehr zu bewegen.“
Oswald von Wolkensteins erfrischend konkreter Zugang zu klassischen Minnethemen paart sich aufs Erfreulichste mit Gerhard Ruiss‘ behutsamer und trotzdem moderner Nachdichtung.
„Sich drücken, schmiegen, Leib an Leib, ach Weib, vertreib das Leid, nicht mich von dir, ich bleib.“
Ein Leckerbissen für besonders interessierte LeserInnen findet sich im Anhang: der vollständige Abdruck der Originaltexte ermöglicht, Vorlage und Neugestaltung zu vergleichen.

Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein: Und wenn ich nun noch länger schwieg‘. Lieder, Nachdichtungen. Folio Verlag, Wien Bozen, 2007. ISBN 978-3-85256-359-6; ital. ISBN 978-88-86857-81-9.

Rezensentin: Doris Nußbaumer
Morgenschtean, österreichische Dialektzeitschrift

oswald_von_wolkenstein
oswald_von_wolkenstein3
Ruiss/Wolkenstein II & III

Nach „Und wenn ich nun noch länger schwieg’“ folgen unter dem Titel „Herz, dein Verlangen“ und „So sie mir pfiff zum Katzenlohn“ Band 2 und 3 von Gerhard Ruiss‘ Nachdichtungen der literarischen Arbeiten Oswald von Wolkensteins.
Die Textauswahl in „Herz, dein Verlangen“ gruppiert sich um die drei großen Menschheitsthemen Liebe, Leben und Tod. Erfrischend unsentimental werden Beziehungsweisen durchvariiert („Mädchen, sind die Eier schon gezählt?/Ach komm, du schöner Held,/lauf, friß sie ungeschält.“), werden soziale Verhältnisse diskutiert. Machtstrukturen, Reichtum, Recht und Religion erlangen einfallsreich und ausdrucksstark Präsenz, Gesellschaftskritik mischt sich mit Selbstkritik, aber auch mit christlich motivierter Hoffnung.
„So sie mir pfiff zum Katzenlohn“ beschäftigt sich mit Oswald von Wolkensteins späten Liedern. Neben Liebesbeziehungen in den verschiedensten Stadien der Erfüllung respektive Nicht-Erfüllung und kritischer Auseinandersetzung mit weltlichen und geistlichen Machthabern gewinnen Altersklagen zunehmend an Raum.
„Süßeste Frucht/ hör mich an in meiner Not/wenn es ans Ende geht/siegt die Wahrheit/halt mich fest, laß nie mehr los/zeig/du hast Herz am Schluß.“
Wer über den rein literarischen Genuss der Nachdichtungen hinausgehen und sich mit der Textbasis auseinandersetzen möchte, findet im Anhang den vollständigen Abdruck der Originaltexte.

Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein, „Herz, dein Verlangen. Lieder. Nachdichtungen. Band II“. Folio Verlag Wien Bozen 2008. ISBN 978-3-85256-448-7

Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein: „So sie mir pfiff zum Katzenlohn. Lieder. Nachdichtungen. Band III“ Folio Verlag Wien Bozen 2010. ISBN 978-3-85256-523-1

Rezensentin Doris Nußbaumer
Morgenschtean, österreichische Dialektzeitschrift